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• Definition: Trauma from occlusion = pathologische oder adaptive Veränderungen des Parodonts durch übermäßige Kaubelastung.
• Glickman’s Konzept:
- Zwei Zonen: „Zone of irritation“ (Plaque-bedingt) & „Zone of co-destruction“ (Plaque + Trauma).
- Okklusale Überbelastung wirkt als Co-Faktor bei bestehender Entzündung.
- Kombination aus Plaque & Trauma → vertikale Knochenresorption.
- Klinische Konsequenz: Okklusionsanalyse und ggf. Korrektur.
• Waerhaug’s Konzept:
- Knochenabbau = ausschließlich Folge der Plaque-induzierten Entzündung.
- Okklusive Kräfte alleine verursachen keine Attachmentverluste.
- Überlastung führt nur zu reversiblen Anpassungen im Knochen.
- Fokus: Plaquekontrolle statt Okklusionsintervention.
• Quintessenz:
- Okklusionskräfte sind kein primärer Auslöser von Parodontitis,
können aber entzündungsbedingten Gewebeabbau verstärken.
- „Trauma from occlusion“ = Co-Faktor, nicht Hauptursache.
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• Arten okklusaler Kräfte:
1. Physiological/normal occlusal force – normale funktionelle Belastung, führt zu gesunder Adaptation.
2. Impact force – plötzliche hohe Kraftspitzen, kann akutes Trauma oder Fraktur verursachen.
3. Continuous force – dauerhafte Druckkräfte (z. B. KFO, Prothesen), führen zu chronischem Knochenumbau.
4. Jiggling force – wiederholte, laterale Mikrobelastungen (z. B. Bruxismus) → Hauptursache für okklusives Trauma.
• Tierexperimentelle Evidenz (Lindhe et al. 2008):
- Orthodontische Kräfte: adaptive Knochenreaktionen (Druck-/Zugseite).
- Jiggling-Trauma im gesunden Parodont → reversible Veränderungen.
- Jiggling-Trauma im reduzierten Parodont → beschleunigter Knochenabbau.
- Plaque-assoziierte Parodontitis = Hauptursache, Trauma nur Co-Faktor.
• Kernaussage:
- Okklusale Kräfte sind nicht per se schädlich.
- Trauma allein führt nicht zu Attachmentverlust.
- Kombination von Entzündung (Plaque) + Überbelastung = beschleunigte Destruktion.
- Klinisch: Okklusionskorrektur ist nur sinnvoll bei gleichzeitig kontrollierter Entzündung.
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🧱 EVIDENZHIERARCHIE (Pyramide auf der Folie):
f) Clinical Guidelines – höchste Evidenz, praxisorientiert, fassen alle Stufen darunter zusammen
e) Systematic Reviews + Meta-Analyses of Clinical Trials – Datenzusammenfassung vieler Studien
d) Clinical Trials – patientenbezogene Experimente mit Kontrollgruppen
c) Systematic Reviews + Meta-Analyses of Animal Experiments – bündeln vorklinische Daten
b) Animal Experiments – liefern biologische Grundlagen, aber keine klinische Anwendbarkeit
a) In-vitro Experiments – Laborversuche, nur Hypothesenbildung
➡️ Didaktische Kernbotschaft:
- Die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf die klinische Praxis ist stark begrenzt.
- Nur systematisch ausgewertete klinische Daten dürfen therapeutische Entscheidungen leiten.
- Je höher die Ebene in der Pyramide, desto geringer das Risiko für Bias und Fehlinterpretation.
🧪 METHODISCHE KRITIK AN STUDIEN (gezeigte Artikel):
Prof. Faggion hebt in den Artikelausschnitten farblich markierte Mängel hervor:
• Fehlende Präzisionsangaben (Konfidenzintervalle, Standardabweichungen).
• Zu kleine Stichproben → geringe Aussagekraft.
• Unklare Definitionen von Endpunkten (z. B. was genau ist „Trauma from occlusion“?).
• Fehlende Randomisierung oder Kontrollgruppen.
• Statistische Verfahren oft ungeeignet oder nicht angegeben.
• Keine standardisierte Messmethodik für Knochenveränderungen oder Attachmentverlust.
➡️ Methodische Lernziele:
- **Kritisches Lesen** wissenschaftlicher Literatur.
- **Verständnis für Studienqualität**: Nicht jede „wissenschaftliche“ Publikation liefert Evidenz!
- **Bewusstsein für Bias:** Ergebnisse können durch schlechte Methodik verzerrt sein.
- **Übertragung in die Praxis:** Nur reproduzierbare, kontrollierte klinische Studien dürfen zu
Leitlinienempfehlungen führen.
🩺 Quintessenz:
„Die klinische Relevanz eines Forschungsergebnisses hängt nicht von seiner Biologie,
sondern von seiner methodischen Qualität ab.“
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• Frage: Verbessert „occlusal adjustment“ parodontale Parameter?
• Cochrane Review (Weston 2008):
- Nur 1 RCT gefunden, keine signifikanten Unterschiede.
- Schlussfolgerung: keine Evidenz für klinischen Nutzen.
• Systematische Übersicht (Foz 2012):
- 4 Studien, 1 RCT, geringer Attachmentgewinn (0.4 mm), hohes Bias-Risiko.
- Kein Vorteil gegenüber Kontrollgruppen.
🧠 Methodische und didaktische Lehre:
- Qualität > Quantität: viele kleine Studien ≠ starke Evidenz.
- Behandlungsentscheidungen müssen sich auf systematische Reviews stützen.
- Alte Lehrmeinungen („Okklusion immer adjustieren“) sind kritisch zu prüfen.
🩺 Klinische Konsequenz:
- Okklusionstrauma allein ≠ Ursache der Parodontitis.
- In Kombination mit Plaque kann es destruktiv wirken.
- Priorität: Entzündungskontrolle → dann ggf. Okklusionskorrektur.
📘 FOLIENBLOCK 5 – Klinische Praxis & Diagnostik von OkklusionstraumaInhalt
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🦷 Klinische Zeichen:
- Zahnlockerung (Mobility ↑)
- Schmerz beim Kauen
- Abrasionsfacetten
- Zahnwanderung
- Frakturlinien
- Temperaturempfindlichkeit
- Rezession
📸 Radiologische Zeichen:
- Erweiterter Desmodontalspalt
- Vertikale Knochenresorption
- Frakturlinien im Knochen
🪛 Wann schienen?
- Bei zunehmender Mobilität
- Zur Komfortsteigerung
- Zur Unterstützung regenerativer Verfahren (GTR)
⚠️ Probleme bei Schienung:
- Hygieneerschwernis
- Fehlbelastung anderer Zähne möglich
- Nur temporär einsetzen, regelmäßig reevaluieren
😬 Zahnlockerung („Mobility III“):
- Kein sofortiges Alarmzeichen
- Schrittweise Funktionsanalyse und Entlastung
- Frühkontakte entfernen
- Okklusion und Prothesen prüfen
- Nach einigen Wochen Reaktion beobachten
🎯 Didaktische Kernbotschaft:
- Funktionelles Denken statt reflexartigem Eingreifen.
- Diagnose beruht auf Kombination von Klinik + Röntgen.
- Mobilität = Symptom einer Überbelastung, nicht automatisch Parodontitis.
- Ziel: Entlastung, Stabilisierung, Beobachtung – keine Übertherapie.
📘 FOLIENBLOCK 6 – Trauma from Occlusion: Peri-Implant TissuesInhalt
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🦷 Biologische Ausgangslage:
- Zahn: hat Parodontium → Kraftdämpfung & Propriozeption.
- Implantat: direkte Knochenverankerung → keine Dämpfung, keine Sensorik.
📚 Evidenzlage (nach Faggion & Lindhe 2008):
- Wenig klinische Daten, v. a. Tierversuche und retrospektive Analysen.
- Belastung wirkt unmittelbar auf den Knochen.
🧪 Berglundh et al. 2005 – Tierexperimentelle Ergebnisse:
- Normale Belastung → physiologische Knochenanpassung.
- Übermäßige Belastung → Mikrofrakturen, Resorption, Knochendefekte.
- Belastung = zweischneidig: notwendig, aber bei Übermaß destruktiv.
⚙️ Klinische Interpretation:
- Ziel: „functional loading, not overloading“.
- Belastungsharmonie zwischen Implantaten & natürlichen Zähnen beachten.
- Regelmäßige Kontrolle der Okklusion (besonders bei Bruxismus oder unilateraler Belastung).
🎯 Didaktische Botschaft:
- Übertrage nicht das Zahn-Konzept 1:1 auf Implantate.
- Implantate verzeihen keine okklusalen Fehler.
- Evidenzbasierte Vorsicht statt Routine: „We know little – so we must control much.“
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🦷 Systematische Übersicht – Lang et al. 2004:
- 13 Studien, kombinierte Zahn-Implantat-Brücken.
- 5-Jahres-Überleben: 90,1 %, 10-Jahres-Überleben: 82,1 %.
- Unterschiedliche Beweglichkeit von Zahn (Desmodont) & Implantat (Ankylose)
→ Spannungsunterschiede, Schraubenlockerung, marginaler Knochenabbau möglich.
🧠 Schlussfolgerung:
- Verbindung von Zähnen und Implantaten = funktionell riskant.
- Wenn möglich, separate Pfeilerkonstruktionen wählen.
⚙️ Empfehlungen (Faggion):
- Keine routinemäßige Okklusionsanpassung.
- Starke Kontakte entfernen.
- Bei GTR oder empfindlicher Situation: gezielte Entlastung.
- Keine starre Verbindung Zahn–Implantat, wenn vermeidbar.
- Belastung gleichmäßig verteilen, exzentrische Kräfte vermeiden.
🩺 Klinische Quintessenz:
- Mechanische Kontrolle = Basis erfolgreicher Implantattherapie.
- Balance zwischen Okklusion, Prothesendesign & Entzündungsprävention.
🧬 Übergang zum nächsten Thema:
- Neue Vorlesungseinheit: „Therapy of Peri-Implantitis“
- Fokus: Prävalenz, Risikofaktoren, und evidenzbasierte Behandlungsstrategien.
🎯 Didaktische Botschaft:
- „Biomechanik und Biologie sind Partner, nicht Gegensätze.“
- Überlastung → fördert Entzündung; Entzündung → macht Knochen überlastungsempfindlicher.
📘 FOLIENBLOCK 9 – Einführung in die Peri-ImplantitisInhalt
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💸 „The market is huge and is growing... but we have a dark side...“
- Zahnimplantate nehmen weltweit stark zu.
- Aber: Mit steigender Implantatzahl wächst auch die Zahl der Komplikationen.
- Warnung: „Mehr Implantate = mehr Biologieprobleme.“
- Ziel: Bewusstsein für Prävention und Langzeitbetreuung schaffen.
📖 Definition (nach Lindhe 2008 / Faggion):
- Mucositis = Entzündung der periimplantären Schleimhaut, kein Knochenverlust.
- Peri-Implantitis = Entzündung + progressiver Knochenverlust.
- Eigenständige Erkrankung, nicht bloß „Parodontitis am Implantat“.
📊 Epidemiologie – Atieh et al. 2013 (Meta-Analyse):
- 9 Studien, 1497 Patienten, 6283 Implantate.
- Prävalenz:
• Mucositis: 30,7 %
• Peri-Implantitis: 9,6 %
- Implantate sind also häufig von Entzündung betroffen.
🧠 Didaktische Botschaft:
- Peri-Implantitis = häufiges und ernstes Problem moderner Implantologie.
- Keine „Rarität“, sondern systemische Herausforderung.
- Implantate benötigen lebenslange Nachsorge wie parodontale Patienten.
- Ziel: von der Begeisterung für Implantate zur Verantwortung für Implantatgesundheit.
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🧾 Neue Klassifikation (2017 / 2018):
- Peri-implant health → keine Entzündung oder Knochenveränderung
- Peri-implant mucositis → Entzündung ohne Knochenabbau
- Peri-implantitis → Entzündung + Knochenverlust
- Hard/soft tissue deficiencies → strukturelle Defekte nach Implantation
→ Ziel: Standardisierte Diagnose und Vergleichbarkeit zwischen Studien
🦷 Vergleich Zahn vs. Implantat:
- Zahn: Parodontium mit Sharpey-Fasern, hohe Gefäßversorgung, Sensorik
- Implantat: direkte Knochen-Anheftung, keine Sensorik, reduzierte Durchblutung
- Folge: schnellere und ausgedehntere Entzündungsreaktion am Implantat
🧪 Bennani et al. 2008:
- Weichgewebemanagement an Implantaten ist empfindlicher.
- Retraktions- und Abdrucktechniken müssen minimal traumatisch sein.
📚 Systematische Übersichten:
- Faggion et al. 2013 & Sgolastra et al. 2015:
• Parodontitis = starker Risikofaktor für Peri-Implantitis.
• Höhere Mucositis- und Implantatverlustraten bei Parodontitispatienten.
- Frühzeitige Parodontaltherapie entscheidend für Implantaterfolg.
🎯 Didaktische Kernaussagen:
- Peri-Implantitis ist eine eigenständige Erkrankung mit klarer Klassifikation.
- Biologische Unterschiede zwischen Zahn und Implantat verändern die Krankheitsdynamik.
- Vorgeschichte der Parodontitis = entscheidender Risikofaktor.
- Klinisches Denken: Risikopatienten erkennen + präventiv handeln.
📘 FOLIENBLOCK 11 – Peri-Implantitis & Parodontitis / Alter als RisikofaktorInhalt
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🦷 Souza et al. 2016 – Systematische Übersicht:
• Parodontitispatienten haben signifikant höheres Risiko für Peri-Implantitis.
• Gleiche bakterielle Flora und Entzündungsmechanismen.
• Höhere Knochenverluste und Mucositisraten trotz Therapie.
→ Parodontitis = Risikofaktor Nr. 1 für Peri-Implantitis.
🔬 Vergleich Parodontitis vs. Peri-Implantitis:
- Gleiche pathogene Mikroflora.
- Gleiche zelluläre Entzündungsantwort.
- Schnellere Progression am Implantat (keine Desmodontal-Abwehr).
- Klinische Parallelen → „gleiche Krankheit in anderem Gewand“.
🧓 Alter und Systemerkrankungen:
• Mit steigendem Alter zunehmende Vulnerabilität für Entzündungen.
• Höheres Risiko für Dementia, Parkinson = höheres Risiko für Peri-Implantitis.
• Gründe: schlechtere Hygiene, reduzierte Immunität, systemische Inflammation.
🎯 Didaktische Kernaussage:
- Peri-Implantitis = „Parodontitis im Implantatkontext“.
- Entzündung ist ein systemisches und lokales Phänomen.
- Alter und chronische Erkrankungen verstärken die Risikokaskade.
- Therapie muss immer ganzheitlich sein: Biofilm + Systemfaktoren kontrollieren.
📘 FOLIENBLOCK 12 – Therapie der Peri-Implantitis: Überblick & BeispieleInhalt
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🎭 Begriff:
• „Spin Bias“ = Verzerrung der Studieninterpretation zugunsten positiver Ergebnisse.
• Chiu et al. 2017: „Reporting practices that distort interpretation and mislead readers.“
• Kein Datenbetrug, sondern manipulative Darstellung.
🧩 Beispiele:
- Nur positive Subanalysen werden hervorgehoben.
- Hauptziel negativ → Fokus auf „vielversprechende Trends“.
- Kritische Limitationen im Text verharmlost.
- Reißerische Begriffe („effective“, „revolutionary“) trotz schwacher Statistik.
⚠️ „Be careful with potential spin bias“:
- Besonders häufig bei innovationsgetriebenen Feldern (Implantate, Laser, Ozon etc.).
- Auch Autoren mit guten Absichten können „spin“ erzeugen.
- Leser müssen zwischen Daten und Interpretation unterscheiden.
🧪 Eigene Arbeiten:
- Faggion zeigt aktuelle Reviews („under review in J Clin Epidemiology“) → Selbstkritische Forschung.
- Ziel: Transparenz und methodische Ehrlichkeit in der Implantatforschung.
🎓 Good knowledge on research methodology is the key:
- Statistik verstehen, Designs vergleichen, Bias erkennen.
- Ohne Methodik keine echte Evidenz.
- Wissenschaft = kritisches Denken + intellektuelle Demut.
🎯 Didaktische Kernaussage:
- „Nicht alles, was veröffentlicht ist, ist wahr.“
- Wissenschaftliche Redlichkeit beginnt mit Verständnis, nicht mit Glaube.
- Methodisches Wissen ist der Schlüssel zu evidenzbasierter Zahnmedizin.
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